Die Geschichte von Mohamad Al Jounde, dem Gewinner des Internationalen Kinder-Friedenspreises 2017
von Shereen Abdel-Hadi Tayles aufgezeichnet

Mohamad Al Jounde aus Syrien wurde 2017  für ein Schulprojekt in einem libanesischen Flüchtlingscamp mit dem Internationalen Kinder-Friedenspreis ausgezeichnet.  Dieser Preis wird jährlich an Kinder vergeben, die sich in öffentlich sichtbarer und nachhaltiger Weise für Kinderrechte oder für die Verbesserung der Situation von benachteiligten Kindern einsetzen oder eingesetzt haben. Der Preis wurde initiiert von der KidsRights Foundation, einer internationalen Kinderhilfsorganisation, die in Amsterdam in den Niederlanden ansässig ist.

„Ich setze mich ein für alle diese Kinder und für mich selbst. Ich will für die Rechte dieser Kinder kämpfen. Ich versuche, ihre Stimme zu sein und ihre Hoffnung, denn jedes Kind hat das Recht auf Bildung, das Recht, sich zu entwickeln, große Träume zu haben und sich am Leben zu freuen.“
Mohamad wurde in Syrien geboren und ist in der syrischen Stadt Hama aufgewachsen. Er beschrieb sein Leben dort als ganz normal – beide Eltern arbeiteten, sie hatten ein Haus und ein Auto, und Mohamad verbrachte seine Zeit in der Schule oder mit Freunden. „Ich wurde in Syrien geboren. Ich hatte eine schöne Kindheit, mit viel Liebe, mit meiner Familie, und ich war glücklich. Eine sorgenfreie Jugend, wie sie jedes Kind verdiente. Das Leben war schön“, sagte Mohamad.
Aber im Frühjahr 2011 änderte sich sein Leben, als in Syrien pro-demokratische Aktivisten, ermutigt durch die politischen Aufstände in Ägypten und Tunesien, gegen das Regime von Bashar Al-Assad protestierten. Was friedlich begann, führte schnell zu Gewalt, und im Juli 2011 begann das Land mit regionaler und internationaler Beteiligung in einen Bürgerkrieg zu schlittern.
Bis 2013 kamen die Kämpfe immer näher an Mohamads Heimatstadt heran. Er erinnerte sich, wie er mit seiner Familie zu Hause saß, als sie draußen plötzlich Bomben hörten. „Wir hörten überall Leute aus den nahegelegenen Häusern schreien. Und ich merkte spürbar, was Krieg bedeutete“, sagte Mohamad.
Mohamads Mutter wurde zweimal festgenommen, da beide Eltern im Aufstand gegen das Regime aktiv waren. Eines Tages erhielt seine Mutter einen Warnbrief; sie solle Syrien verlassen, sonst würde sie getötet. Mohamad sagte, sie hätten gewusst, dass die Regierung seine Mutter umbringen wollte. Deshalb mussten sie alles zurücklassen und verschwinden.
Nach einer langen Reise gelangte die Familie in den Libanon, in einen Ort in der Nähe von Beirut. „Meine Familie und ich verließen Syrien 2013. Wir nahmen ein Taxi, dessen Fahrer wusste, welche Straßen sicher sein würden. Unsere Reise war einfach, da die Beamten an den Checkpoints und die Regierung ja wollten, dass wir ausreisten; schließlich waren sie es, die uns zur Ausreise zwangen.“   
Aber Mohamads Eltern fanden im Libanon keine Arbeit und hatten bald kein Geld mehr. Mohamads Vater beschloss, in Schweden ein Asylgesuch zu stellen. Dazu musste er aber die Familie verlassen.
Das war eine weitere Herausforderung für Mohamad und seine Familie. „Wieder verlor ich etwas, das mir in meinem Leben lieb und teuer war. Zuerst mein Zuhause, meine Freunde, mein Leben. Und dann verlor ich noch meinen Vater und mein Leben mit ihm. So ging eines nach dem andern verloren.“
Mohamad war im Libanon zwar in Sicherheit, konnte aber in den ersten zwei Jahren nicht zur Schule gehen. „Ein Flüchtling, ein Flüchtlingskind in einem fremden Land zu sein, ist eine schwierige Angelegenheit, denn man beginnt sein ganzes Leben am Nullpunkt. Man hat keine Schule, man hat nichts zu tun. Man hat kein Zuhause. Es war aufreibend und das Leben war leer.“
Aber Mohamad gab sich nicht geschlagen, und seine Situation weckte in ihm den Willen, für eine bessere Zukunft für sich und die anderen Kinder zu kämpfen. Zusammen mit seiner Familie gründete er in einem Flüchtlingslager eine Schule für syrische Kinder. Und was in einem Zelt angefangen hatte, wurde zu einem richtigen Schulhaus mit ausgebildeten Lehrkräften und 200 Schülern. Die Kinder kamen auch von umliegenden Lagern hier zur Schule.
Obwohl Mohamad selbst nicht zur Schule gehen konnte, fühlte er sich doch motiviert, andere Kinder zu unterrichten. „Da ich selbst nicht zur Schule gehen konnte, realisierte ich, wie wichtig die Schule für Kinder ist, und entdeckte, dass eine Schule der beste Ort ist, um persönlich voranzukommen und Träume entwickeln zu können. Fünfzig Prozent der vertriebenen Kinder zwischen sechs und 14 Jahren können nicht zur Schule gehen. Das ist verrückt. Das muss sich ändern, und ich will das ändern. Jedes Kind hat das Recht zu lernen, eine Recht auf Bildung, und dafür kämpfe ich.“
Von seinem 12. Lebensjahr an unterrichtete Mohamad Kinder in den Lagern in Mathematik und Englisch. Er unterrichtet sie auch in seiner größten Leidenschaft – der Fotografie. „In gewissen Zeiten half mir die Fotografie, mich auszudrücken, und ich glaube nach wie vor, dass man die Welt dadurch besser wahrnimmt. Und es lässt die Kinder das Schöne um sie herum sehen. Wissen Sie, viele Flüchtlingskinder sind zu scheu, um etwas zu erzählen, aber sie sind nicht zu scheu, um etwas zu fotografieren. Ich glaube, dass diese Kinder es verdienen, dass sie ihre Geschichten aus ihrer eigenen Perspektive vorstellen können. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Ein Bild von einem glücklichen Moment ist zugleich ein Bild von einer besseren Zukunft.“
(... vollständiger Artikel siehe Printausgabe.)
Zu dem, was er schon erreicht hat, sagte Mohamad: „Das wäre alles nicht möglich ohne die Kids, mit denen ich arbeite. Ohne ihren Willen, weiterzukommen, wäre ich nicht der geworden, der ich heute bin. Sie haben alles selbst geschafft. Ich habe sie nur unterstützt und gab ihnen eine Stimme, aber es ist mehr ihr Verdienst als meines. Das Zusammensein mit den Kindern macht mich am glücklichsten. Wenn ich mit ihnen spiele, mit ihnen Spaß habe, fühle ich mich bereichert. Dadurch geben sie mir die Kraft, meine eigenen Probleme zu überwinden und eine Veränderung zu bewirken.“
Dank Mohamad können im Libanon viele Flüchtlingskinder zur Schule gehen und trotz ihrer schwierigen Situation wieder Hoffnung haben, und damit hat er den Internationalen Kinder-Friedenspreis 2017 verdient.

 

Die UN-Friedensbotschafterin  Malala Yousafzai überreichte Mohamad Al Jounde den Kinder-Friedenspreis



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