Suche nach Sinn und Verbundenheit
Ein Interview mit Jeremy Lent
von Felicity Eliot

Der Autor Jeremy Lent untersucht in seinen Schriften die Denkmuster, die unsere Zivilisation in die gegenwärtige Nachhaltigkeitskrise geführt haben. Er hat das gemeinnützige Liologische Institut zur Förderung einer Weltsicht, die der Menschheit ein nachhaltiges Leben auf der Erde ermöglicht, gegründet. Er ist Autor von The Patterning Instinct und Requiem of the Human Soul. Felicity Eliot hat im September dieses Jahres mit ihm gesprochen.

Share International: Unsere Leser wissen schon einiges über Sie, da wir in der Mai-Ausgabe einen Ihrer Artikel abgedruckt haben. Der Titel lautete „Kulturwandel: Es ist Zeit für eine neue Weltsicht – für ein tieferes Verbundenheitsgefühl“. Darin signalisieren Sie, dass die Menschheit sich ändern und einen anderen Kurs einschlagen muss, und dass wir möglicherweise auch unsere vorherrschenden Metaphern und die Art und Weise, wie wir uns definieren, verändern müssen.
Jeremy Lent: Die einzige geringfügige Änderung, die ich an dem, was Sie gerade gesagt haben, vornehmen würde, ist, dass meine Sichtweise nicht darin besteht, dass die Menschheit sich ändern muss, sondern dass die zugrunde liegenden Werte unserer gegenwärtigen Zivilisation sich ändern müssen, damit sie die Kernwerte des Menschen besser widerspiegelt. Wenn wir die gesamte 7,6 Milliarden zählende Menschheit als Kollektiv betrachten, dann glaube ich, dass wir uns wieder mit den zentralen Werten verbinden müssen, die uns zu Menschen machen – Werte, die uns durch die Entwicklungen in unserer Zivilisation abhanden gekommen sind.

SI: Das ist mehr als eine geringfügige Abänderung. Es ist sehr wichtig, und ich verstehe ihre Sichtweise. Bitte sprechen Sie weiter über die Notwendigkeit, unsere Kernwerte neu zu definieren, wie Sie es formulierten.
JL: Unsere Zivilisation basiert in ihren tiefsten Schichten auf Separation, nicht auf Verbundenheit. Wir müssen uns diese ihr zugrundliegende Idee des Separierens gegenüber Verbundenseins anschauen. Wenn wir die ersten Schritte unserer Evolution betrachten, dann sehen wir schon zu Beginn des Prozesses, der uns zu Menschen machte, eine gewisse Separierung, beispielsweise das Verständnis unserer selbst als voneinander getrennte Einzelwesen und die Entwicklung eines begrifflichen Bewusstseins, das uns ermöglichte, Kultur und Sprache zu entwickeln, Werkzeug herzustellen und die Natur zu beherrschen zu beginnen.

SI: Lent beschrieb noch einige weitere wichtige Momente der Separation, beispielweise als mit dem Beginn der Landwirtschaft die Vorstellung, voneinander und von der Natur getrennt zu sein, aufkam. Es habe sich, sagte er, vor allem im alten Griechenland ein ganz wesentlicher Wandel vollzogen – mit dem Aufkommen einer dualistischen Denkweise.
JL: Diese Vorstellung war ein einzigartiger Schritt und unterschied sich von allen bisherigen Denkweisen. Es begründete eine dualistische Geisteshaltung, in der die Wirklichkeit als gespaltenes Universum gedacht wurde: Die Vorstellung eines perfekten, ewigen Universums irgendwo in einer anderen, höheren Dimension gegenüber dem irdischen Bereich, der verdorben ist, und wo alles stirbt. Diese Welt ist wechselhaft, man kann ihr nicht trauen. Und mit den frühen Philosophen kam die Vorstellung, dass auch der Mensch zweigeteilt sei, dass Seele und Körper getrennt voneinander existieren. Plato hat diese Denkweise herauskristallisiert, aber er war damit nicht allein, dass es die unsterbliche Seele ist, die uns mit dem Göttlichen verbindet und uns vollkommen macht. Die unsterbliche Seele ist letztlich das absolut Gute. Der Körper ist schlecht und verdorben. Wenn der Körper stirbt, wird die Seele aus dem Grab des Körpers befreit und kann in die Ewigkeit zurückkehren. Nach dieser Vorstellung müssen wir uns vom Körperlichen befreien und der Seele zu ihrer Vollkommenheit verhelfen.

SI: Ist demnach das Problem der Separation, dass diese sich polarisierend auf alle Lebensbereiche auswirkt?
JL: Ja. Und wenn man erst einmal akzeptiert, dass der Mensch aus dieser Zweiteilung besteht, und dass es unsere Seele ist, die uns göttlich macht, dann folgt der logische Schluss, dass man die Natur, die keine Vernunftseele hat, als nicht göttlich betrachtet. Und das hat zur dualistischen, systematischen Kosmologie des Christentums geführt, welche die Welt als eine Art mechanische Bühne für das göttliche Drama betrachtet; und wiederum geschah die Zweiteilung, wonach die Seele nach ewiger Erlösung strebt, während der Körper von allen möglichen Versuchungen heimgesucht wird. Das war also eine weitere Stufe der Aufspaltung und des Dualismus, welche wiederum zur wissenschaftlichen Revolution, zur nächsten Stufe, führte, aus welcher sich die Denkweise Descartes, die kartesianische Philosophie, folgern ließ.

SI: Das war natürlich nicht nur negativ.
JL: Richtig. Ich will damit nicht sagen, dass alles, was aus der wissenschaftlichen Revolution hervorging, schlecht war. Wir haben im Laufe der letzten Jahrhunderte, in denen große Fortschritte erzielt worden sind, enorme Vorteile aus diesem Gedankengut gezogen. Zum Beispiel das enorme Wissen und die wissenschaftliche Forschung, die wir heute haben – vieles, wofür wir sehr dankbar sein können. ...
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JL: … Ich betrachte die Wissenschaft einerseits als eine prozedurale Methodik, mit der die Welt auf bestimmte Weise betrachtet wird, um auf der Basis von Hypothese, Transparenz, Prüfen und Begreifen unser Wissen über die Welt zu erweitern. Sie ist eine der großen Erfolge und Errungenschaften der Menschheit. Aber Wissenschaft drückt sich auch in der Systemwissenschaft aus, wo es um Komplexitätsdenken, Systembiologie, Netzwerkanalyse und Chaostheorie geht; die Systemwissenschaft untersucht, wie Dinge miteinander in Verbindung stehen – ihre Vernetzung. Wenn wir uns anschauen, wie Dinge miteinander verbunden sind, haben wir eine ganz andere Beziehung zur Welt, als wenn man sie aus reduktionistischer Sicht betrachtet. Man erkennt, dass sich nie genau vorhersagen lässt, wie sich Dinge miteinander verbinden. Und wenn wir Menschen in diesem Szenario versuchen, es zu verstehen, sind wir zugleich Akteure darin. Die Art und Weise, in der wir versuchen, Dinge zu verstehen, und das, was wir tun, werden Teil dieses globalen Systems.

SI: Ich verstehe nicht viel davon, aber beziehen Sie sich auf die Quantenidee, dass der Wissenschaftler oder Beobachter die beobachtete Wirklichkeit beeinflusst?
JL: Ja, genau. Wir sind Akteure oder Mitspieler und Teil des Systems. Und weil Dinge nicht vollständig voraussagbar sind, führt das zu Bescheidenheit und zu dem Zugeständnis, dass unser Tun eine viel weitreichendere Wirkung hat, als wir voraussagen können. Das führt zu einem ganz anderen Bild des Menschen in der Welt, wenn er sich als Teil dieses mit allem verbundenen Netzes erfährt. Wenn man jetzt diese verschiedenen Elemente zusammen betrachtet – die Unzufriedenheit über das Scheitern unseres gegenwärtigen Systems, die Anerkennung der uns zugänglichen Weisheiten aus den jahrtausendealten menschlichen Traditionen und die Entdeckungen des modernen Systemdenkens – dann sehen wir, dass sie übereinstimmen. Meiner Meinung nach ist das Aufregendste daran die Möglichkeit, modernes wissenschaftliches Verständnis und die Einsichten der Weisheitstraditionen in eine Weltsicht zu integrieren, die wirklich nachhaltig sein kann, weil sie auf Konnektivität, Verbundenheit basiert. ...
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JL: … Wenn wir im globalen Verbundensein einen Sinn sehen, dann werden wir diesem Verbundenheitsgefühl entsprechend handeln. Wir können die spirituelle Bedeutung auch als Quelle der tiefsten Verbindung betrachten, die wir mit uns und dem Universum haben. Wenn jemand das Leben als sinnlos empfindet, dann kann das oft auf das fehlende Verbundenheitsgefühl mit andern und der Umwelt zurückgeführt werden. Verbundenheit ist die Quelle, woraus wir in unserem Leben einen Sinn ziehen; und sie kann die Entscheidungen bestimmen, die wir treffen, und die Werte, die wir in unserem Leben haben, zum Beispiel, was wir wählen und was wir jeden Tag tun, die Gruppen oder Organisationen, zu denen wir gehören, und was wir in der Welt bewirken wollen.

*www.youtube.com/watch?v=H0VsHVizM6Y

Teil zwei dieses Interviews wird in der Dezember-Ausgabe von Share International erscheinen.

Felicity Eliot ist Herausgeberin von Share International in Amsterdam.

 



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